Virtuosität...
...Geschwindigkeit ist alles?

...nein, aber eine Option. Wenn man von Virtuosität spricht, meint man ja nicht nur Geschwindigkeit sondern eigentlich alles was nur erreichbar ist, wenn man etwas beherrscht. Bezogen auf die Gitarre heißt Virtuosität für mich Präzision und Kontrolle. Und wie Al Di Meola schon zu sagen pflegte, Geschwindgkeit ist ein Abfallprodukt von Präzision. Somit sollte für jemanden, der Geschwindigkeit anstrebt, die Präzision im Vordergrund stehen... das Tempo kommt dann von ganz allein.

Interessanterweise gibt es in der Auffassung von Virtuosität einen großen Unterschied zwischen der klassischen Musik und der "U-Musik" - also dem, womit wir uns in der Regel beschäftigen. In der klassichen Musik gilt jemand der sein Instrument virtuos bzw. perfekt beherrscht als ein guter Musiker. Das gilt nicht für den Bereich der Popular-Musik, in dem die E-Gitarre überwiegend vertreten ist. Im Gegenteil, man hört sehr oft, daß technisch versierte Gitarristen steril und leblos klingen würden, meistens von Leuten die selber nicht über diese spieltechnischen Fähigkeiten verfügen. Wie in meinem Artikel über "Wie wird man ein guter Gitarrist" schon angesprochen, halte ich es für äußerst fragwürdig, ob das eine mit dem anderen etwas zu tun hat. Also ob Leute, die sich eingehend mit ihrer Spieltechnik beschäftigen grundsätzlich schlechter sind, wenn es um so etwas geht, wie gefühlvoll aus dem "Bauch" heraus und mit gutem Ton zu spielen.

Aber zurück zur Geschwindigkeit. Für mich gibt es zwei Betrachtungsweisen, die jeweils zu anderen Ergebnissen führen. Zum einen geht es nur darum, etwas einfach "schnell" zu spielen. Das kann sich auf Rhythmus Riffs oder auch Solo-Melodien beziehen. Dabei sollte klar sein, daß vor allem Melodien bei zu hohen Geschwindigkeiten einfach keinen Sinn mehr machen. Mein alter Gitarrenlehrer hat immer gesagt, daß sobald eine Melodie zu schnell zum singen wird, ihre Eingängigkeit verloren geht. Da ist sicher was dran, allerdings geht es beim Gitarrespielen ja nicht nur darum, dem Sänger oder der Sängerin Konkurrenz zu machen. Oft sind Solos einfach nur ein Stimmungsausbruch - während man dem Solo zu hört findet man es "geil", aber kurz danach hat man es schon vergessen.

Die andere Betrachtungsweise von Geschwindigkeit besteht darin, schnelle Notenfolgen als Stilmittel aufzufassen. Für mich sind schnelle bzw. hyperschnelle (16tel über 190-200 BPM) Läufe und Melodien ein Stilmittel, daß gleichberechtigt neben allen anderen Stilmitteln, wie Bendings, Vibratos oder Slides anzusiedeln ist. Der soundmäßige Effekt, den ein an der richtigen Stelle plazierter ultra-schneller "Hi-Gain Shred" erzeugt, ist an Emotionalität kaum zu übertreffen. Wohlgemerkt, es handelt sich nur um "ein" Stilmittel von vielen. Man kann damit verschwenderisch umgehen (s. Malmsteen!) oder es nur gezielt an manchen Stellen einsetzen. Man kann aber auch komplett darauf verzichten, ohne deshalb ein "schlechterer" Gitarrist zu sein. Genauso wie es möglich ist, ein gutes Solo ohne Slides oder sogar ohne Vibrato zu spielen. Es ist einfach eine Frage, des persönlichen Geschmacks, ob einem diese Art von Ausdrucksmittel gefällt oder nicht.

to be continued...


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